USA's Osten (2/2): Philadelphia

Vom Graffiti in den Knast

Die Stadt der brüderlichen Liebe. Die Stadt der Quäker. Die Geburtsstadt Amerikas. Philadelphia hat viele Namen. Sie ist die fünftgrösste Stadt in den USA und die zweitgrösste an der Ostküste. Ende des 18. Jahrhunderts war die Stadt am Delaware River von 1790 an für zehn Jahre die Hauptstadt des Landes. Viele historisch wichtigen Ereignisse haben sich in Philadelphia abgespielt. Die Unabhängigkeitserklärung 1776 sowie die Verfassung 1787 kamen hier zustande. Ausserdem entstand hier die erste Bank und das erste Postbüro der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Geschichte der Stadt ist in ihrer Architektur bis heute erkennbar. Obwohl mittlerweile natürlich auch Hochhäuser und Glasbauten das Bild der Stadt prägen, so sind noch viele Gebäude von damals vorhanden - rote Backsteingebäude mit weissen Fenstern und farbigen Fensterläden.

Das moderne Philadelphia wird unter den Einheimischen auch als "Openair" Kunstgallerie bezeichnet, da seit geraumer Zeit bei jedem Gebäudebau ein Prozent des Budgets in Kunst auf dem bebauten Gelände investiert werden muss. So findet man vor oder in vielen Gebäuden Skulpturen und andere Bildnisse. Mancherorts wurden gar die Fassaden zum Kunstprojekt deklariert.

Eastern State Penitentiary

Ein Gebäude, welches mich besonders fasziniert hat, war das Eastern State Penitentiary. Dies war die erste Strafanstalt der USA, deren Ziel die "Besserung" bzw. "Korrektur" der Häftlinge war. Nach acht Jahren Planung und Bautätigkeiten wurde die Anstalt im Oktober 1829 eröffnet und blieb bis 1971 in Betrieb. Bei seiner Fertigstellung war das Gebäude ein technisches Wunderwerk - was es auch sein sollte. Nicht nur war es das erste Gebäude der USA mit fliessend Wasser und einem Heizungssystem (noch vor dem Weissen Haus!). Auch sollte hier das Pennsylvania System umgesetzt werden. Dieses bestand darin, dass die Gefangegen in absoluter Isolation leben. Sie hatten nicht nur keinen Kontakt zur Aussenwelt, auch der Kontakt zwischen den Häftlingen und zu den Wärtern war untersagt. Die Häftlinge, so die Idee, sollten in absoluter Isolation sich ihrer Vergehen besinnen und wahre Reue und Besserung erfahren. Die Häftlinge verbrachten den ganzen Tag in ihrer Zelle. Einmal pro Tag durften sie sich in einem von hohen Mauern umgebenen Innenhof die Beine vertreten und "an die frische Luft" - wiederum alleine versteht sich. Dass in so viel Einsamkeit, die meisten eher verrückt als geheilt wurden, dürfte wohl jedem klar sein.

Lebenslange oder gar Todesstrafen gab es vor 1940 in den amerikanischen Strafanstalten noch nicht. Die meisten sassen Haftstrafen zwischen zwei und acht Jahren ab. Zu den häufigsten Delikten gehörten Pferdediebstähle, Fälschung und Betrug sowie Raub und Mord. Mit der Zeit jedoch veränderte sich die Gesetzgebung und so musste neuer Platz geschaffen werden für die Schwerverbrecher und die, die man nicht mehr gehen lassen wollte. Deshalb wurde die Strafanstalt in mehreren Etappen ausgebaut und weil der Platz innerhalb der massiven Anstaltsmauern knapp wurde, begann man zweistöckige Gefängnistrakte zu bauen. Vom Pennsylvania System war man inzwischen abgekommen, welches mit der steigenden Häftlingszahl auch nicht mehr umsetzbar gewesen wäre. Das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Insassen wurde gar gefördert. Sogar der Rassismus zwischen Weiss und Schwarz war "unter Kontrolle" - "Leben und Leben lassen" war die Devise. Bald begann man sogar, sportliche Aktivitäten zu fördern und (ethnisch gemischte) Häftlingsteams traten gegen Sportteams von ausserhalb an. Im Jahr 1971 musste das "Eastern State Penitentiary" den Betrieb endgültig einstellen, da die Anlagen nicht mehr zeitgemäss waren und es nicht mit der Masse an Insassen des 20. Jahrhunderts mithalten konnte.

Zur Strafanstalt gibt es einige interessante und teils auch kuriose Details. Zum Einen waren Al Capone und Willie Sutton auf der "Gästeliste". Ausserdem war da noch ein Insasse bekannt unter dem Namen Pep. Dieser wurde des Katzenmordes beschuldigt - insbesondere die Katze der Frau des Gouverneurs von Virginia. Das kuriose über diesen Insasse war allerdings: Pep war ein schwarzer Labrador... Die Legende besagt, dass der Gouverneur so erbost war, weil seine Frau untröstlich war über den Verlust ihrer Katze, dass er den Hund für immer wegsperren wollte. So erzählt man es sich zumindest. Ein Briefwechsel zwischen dem Gouverneur und einem Wärter vom 12.8.1924 erzählt allerdings eine andere Geschichte. Demnach war der Hund eine Spende vom Gouverneur an die Wächter der Strafanstalt. Was glaubt ihr, ist nun war? :-) Tatsache ist allerdings auch, dass der Hund eine Insassennummer zugewiesen bekam und diese Nummer kein anderer (menschlicher) Häftling trug.

Eine weitere Kuriosität steht im Zusammenhang mit dem Aufnahmeverfahren von neuen Häftlingen. Wurde ein neuer Häftling eingeliefert, mussten die körperlichen Merkmale der Person festgehalten werden (Grösse und Gewicht, Augenfarbe, Haartyp/länge und -farbe, etc.). Wurde ein Weisser eingeliefert, so wurden alle Angaben wahrheitsgemäss erfasst. Wurde hingegen ein Schwarzer (oder politisch korrekter: Afroamerikaner) eingeliefert, so waren die Wärter angewiesen bei der Augenfarbe "braun" und beim Haartyp "Locken" einzutragen - egal ob das nun stimmte oder nicht. Gemäss einer Aussage eines Zeitzeugen, der als Wärter dort angestellt war, bekam er auf die Frage, warum er das machen solle, wenn es doch offensichtlich nicht stimme, von seinem Vorgesetzten lediglich die Antwort: "It's the procedure!"

Abschliessend noch ein paar Fakten und Zahlen, die ich interessant und auch irgendwie beängstigend fand. Kein Land der Welt hat im Verhältnis zur Bevölkerung soviele Häftlinge in seinen Gefängnissen wie die USA. Bis zur Schliessung des Eastern State Penitentiary in 1971 gab es landesweit zwischen 100 und 200 Inhaftierte pro 100'000 Bürger. Nach der Schliessung begann sich das drastisch zu ändern. Dank neuen Gesetzen und längeren Haftstrafen in den 70er/80er/90er Jahren erhöhte sich die landesweite Häftlingszahl auf über 700 Insassen pro 100'000 Bürger (Stand 2010). Seit 1970 ist die Häftlingszahl in den USA um über 600% angestiegen. Es befinden sich nun mehr als zwei Millionen Häftlinge in den amerikanischen Gefängnissen, was die US Bürgern jährlich 80 Milliarden Dollar kostet.

Gefängnis Nummer 2: Philadelphia Zoo

Nach dem Besuch der Strafanstalt wollte ich noch den Philadelphia Zoo besuchen. Wie es sich herausstellte, war dies ein weiterer Gefängnisbesuch - diesmal jedoch ein Gefängnis für Tiere. Der Zoo brüstet sich, mit wie viel er für die Erhaltung der Artenvielfalt und den Schutz der Tiere tut. Tatsächlich hat der Zoo eine ziemlich umfangreiche Tiersammlung. Das ist alles schön und gut, finde ich auch toll. Aber die Gehege der Tiere sind teilweise wirklich sehr sehr sehr klein. Versteht mich nicht falsch, natürlich lebt jedes Tier in einem Zoo in einem "Gefängnis". Meiner Meinung nach sind aber die meisten Gehege in diesem Zoo nicht artgerecht. Wenn ein Frosch sich in seinem Marmeladenglas kaum um die eigene Achse drehen kann; die weltgrösste Boa kaum 2x2x2 Meter Platz hat; oder ein Aquarium so vollgepfercht ist mit Fischen, dass man vor lauter Fischen das Wasser fast nicht mehr sieht, so hat das für mich rein gar nichts mehr mit artgerechter Tierhaltung oder gar Tierschutz zu tun. Das ist einfach nur noch Tierquälerei (und vielleicht Geldmacherei? Gut fürs Marketing, wenn man sagen kann, wieviele tausend verschiedene Arten man hat?). Die Säugetiere unter den Zoobewohnern haben hier glücklicherweise mit den etwas grösseren Gehegen wohl noch die Glückskarte gezogen...

Zum Schluss: Ich bin ein grosser Fan von Zoos. Ich denke, dass sie einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz und zur Bildung beitragen. Wie es der Zoo in Philadelphia macht, finde ich aber definitiv der falsche weg. In Bezug auf die Anzahl verschiedener Tierarten sollte sich der Zoo das Sprichwort "Manchmal ist weniger mehr" wirklich mal zu Herzen nehmen.