New Zealand (3/5)

Tongariro Crossing

Nachdem wir gestern den Morgen in Wellington verbracht hatten und gegen Mittag in Richtung Whakapapa (ausgesprochen: Fakapapa) aufgebrochen sind, steht heute eine 22 Kilometer Wanderung auf dem Programm.


Im Mangatepopo Valley vor dem Tongariro Krater mit Mount Ngauruhoe links.

Sirenengeheul in der Ferne. Was ist los...? Ziemlich steif und verschlafen setze ich mich auf im Bett. Es dauert einen Moment bis ich kapier, dass es nur mein Wecker ist. Die Uhr zeigt 5:50 an. Mensch ist das früh. Auch wenn liegen bleiben eine attraktive Variante wäre, da es im Zimmer ungemütlich kalt ist, entscheide ich mich dennoch fürs Aufstehen, da das Bett wirklich unbequem ist (obwohl es eigentlich gar nicht diesen Eindruck macht...). Kurzer Temperatur-Check draussen. Brrr... Kalt. Auf dem Berg wird es morgens wohl noch kälter sein. Fünf Schichten (2 Shirts, 2 Fliessjacken und 1 Windjacke) plus Handschuhe sollten aber wohl reichen...


Blick zurück: Mangatepopo Valley.

Eine Stunde später wurden wir vom Bus abgeholt, der uns zum Parkplatz am Fusse des Mangatepopo Valley fuhr, von wo aus wir unsere Wanderung starteten. Ich entschied mich dafür, ein paar Wanderstöcke zu mieten, da ich gehört hatte, dass wir viel bergab laufen würden und ich meine Kniegelenke etwas entlasten wollte. Meine erste Wanderung mit Stöcken – ich war gespannt, wie ich damit zurechtkommen würde. Gestern Abend hat unsere Gruppe noch einen erfreulichen vorübergehenden Zuwachs bekommen.


Mount Ngaurahoe. Erkennt jemand diesen Berg? Tipp: Herr der Ringe

Ziemlich genau um 7:30 sind wir losgelaufen. Die ersten Kilometer waren eher flach aufsteigend und die Pfade waren sehr gut präpariert – teilweise sogar mit Holzstegen, wie wir sie auch schon anderorts auf Wanderungen angetroffen hatten. Wir liefen das Tal hoch in Richtung Fuss des Tongariro Kraters und Mount Ngaurahoe(ausgesprochen: Naurahui). Es war zwar ziemlich kühl zum Laufen, dennoch war es angenehm, da ich ja mit genügend Kleiderschichten vorgesorgt hatte. Langsam wurde das Tal mit Morgenlicht gefüllt und als wir etwa die Mitte des Tals erreicht hatten, strahlten die ersten Sonnenstrahlen über den Tongariro auf die gegenüberliegende Talkante. Von Zeit zu Zeit spürte man einen wärmeren Windhauch, der erahnen liess, dass es heute wohl noch etwas wärmer werden würde.


Mangatepopo Valley. Mount Taranaki im Hintergrund links ragt über das Wolkenmeer hinaus.

Nach einer guten Stunde Fussmarsch erreichten wir das obere Talende. Dort gab es die letzte Toiletten-Möglichkeit und dementsprechend standen die Leute Schlange. Da heute Samstag ist, waren viele Leute unterwegs. So haben wir die Gelegenheit genutzt und diese ganze Menschenmenge hinter uns gelassen und unseren ersten Aufstieg in Angriff genommen. Steil ging es an der Kraterwand entlang hoch. Der Weg war nicht sehr zick-zack ähnlich angelegt, wodurch der Aufstieg ziemlich anstrengend war. Doch je höher wir stiegen, desto schöner wurde der Ausblick hinunter ins Tal, welches wir zuvor hochgelaufen waren. In der Ferne war die Landschaft in ein Wolkenmeer getaucht und nur der Mount Taranaki erhob sich majestätisch aus den Wolken. Mit beinahe jedem Schritt, den wir weitergehen, verändert sich auch unsere Sicht auf Mount Ngauruhoe. Ein regelrechter Koloss der sich rechts von uns empor hebt. Mit einem Schritt nach dem anderen, sichtlich ausser Atem, erklimmen wir den ersten von insgesamt drei Aufstiegen heute. Oben angekommen machen wir eine kurze Verschnaufpause und beobachten die restlichen Wanderer, die schnaubend und schnaufend ebenfalls oben ankommen, und diejenigen unten im Tal, die wie farbige Ameisen aussehen und die Strapaze noch vor sich haben.


Mitten in einem der Tongariro Krater.

Wieder gestärkt geht es nun weiter quer durch den Tongariro Südkrater hindurch. Der Boden ist gelblich gefärbt und so flach, als ob man ihn mit einer Walze flachgedrückt hätte. So müssen wir uns weniger aufs Laufen konzentrieren und können das Panorama um uns geniessen. Mount Ngaurahoe sehen wir nun von einer anderen Seite – die rötliche Färbung sticht in der Morgensonne nun sichtlich hervor. Das Einzige, was die Idylle etwas stört, ist das (etwas böse formuliert) das Geplapper und Gegacker dreier deutscher Mädels hinter uns. Die haben sich ja ernsthaft darüber beschwert, wie steil und lang die Wanderung sei... Dazu sag ich nur: „Kein Kommentar“. Ich versuche etwas schneller zu laufen, um ihnen zu entkommen, was zum Glück nicht allzu schwer war. Am anderen Ende des Südkraters angekommen, beginnt nun der Aufstieg zum Red Crater, dem zweiten von drei Kratern des Mount Tongariro. Waren wir heute früh auf 1100 m ü. M. gestartet, befanden wir uns jetzt bereits auf 1659 m ü. M. und sollten gleich auf 1886 m ü. M. steigen.

Das Gelände bei diesem zweiten Aufstieg war schon etwas schwieriger. Rutschiges Erdreich wechselte sich mit felsigem Untergrund und kahlen festem Boden ab. Die beiden letzteren konnten bei schlechter Witterung vermutlich sehr rutschig werden, weshalb stellenweise Ketten an die Wand angebracht worden waren, an denen man sich wenigstens etwas festhalten konnte. Doch wenn man zwischendurch mal kurz anhielt und sich umsah, so wurde man bereits mit einem neuen Panorama belohnt. Der Blick hinunter in den Südkrater offenbarte auch hier wieder dessen massiven Dimensionen. Ein weiterer Vorteil des steilen Pfades war, dass sich die Menschenmenge ziemlich gut verteilte. Jeder lief sein eigenes Tempo. Irgendwann sind auch wir oben angekommen. Diesmal blieb uns nicht nur der Anstrengung wegen die Luft weg, sondern auch wegen der Aussicht, die sich uns bot. Wortwörtlich: atemberaubend. Zahlreiche kleineren und grössere türkisblaue Vulkanseen, schwarze erstarrte Lavaflüsse, Erde und Steine in Gelb, Oker, Rot, Violett. Die Farbenpracht ist riesig.

Nun steht ein erster Anstieg an, welcher eine kleinere Herausforderung darstellt. Der Boden besteht aus loser Erde und Geröll. Mit jedem Schritt gibt der Boden nach und ich muss aufpassen, dass ich nicht falle. Die Wanderstöcke kommen hier sehr gelegen, da sie etwas mehr Stabilität geben. Ab und zu halte ich an und beobachte die anderen, wie sie die Kraterwand „hinunterlaufen“. Sieht witzig aus :-) Irgendwann hatte ich dann den Dreh raus, wie es am einfachsten geht: Tiefe Schritte in den Boden machen und mit dem rutschenden Geröll mitlaufen. So macht das ganze sogar noch Spass! Unten angekommen, befinden wir uns gleich neben einigen kleineren Kraterseen, den Emerald Lakes. Ein guter Ort um eine frühe Mittagspause einzulegen. Bisher haben wir Neun von den insgesamt zwanzig Kilometer zurückgelegt.

Gestärkt machen wir uns auf den Weg zu unserem letzten Aufstieg für heute. Wir laufen die Kraterwand zum Central Crater hoch, in dessen Mitte sich der Blue Lake befindet. Mit einem geschätzten Kilometer Durchmesser ist dies der grösste der Kraterseen um Mount Tongariro. Mit der Gefahr, dass ich mich langsam wiederhole, möchte ich noch einmal die Farbenvielfalt betonen. Oben angekommen, sehen wir nun einerseits die Strecke, die wir zuvor gelegt haben, wie auch den Blick ins Tal hinunter, wo wir gleich hinunterlaufen werden. Auch wenn ich auf einer Insel vulkanischen Ursprungs aufgewachsen bin, erstaunt mich die Vielseitigkeit dieser Landschaft immer wieder aufs Neue.

Der Wanderweg ins Tal hinunter ist Zick-Zack förmig angelegt. Hatten wir beim Hochlaufen der Kraterinnenseite noch keine Pflanzen angetroffen, so änderte sich das von einem Schritt zum nächsten, als wir die Krateraussenseite erreichten und mit dem Abstieg starteten. Eine Decke von niedrigen, etwa Fuss hohen Pflanzen erstreckt sich vor uns. Inmitten des Grüns und Gelbs Pflanzen und Gräser, wachsen zahlreiche Lavendel. Überall um den Krater steigen Schwefeldampfwolken empor – teilweise so gross, dass man den Eindruck hat, man sei in der Nähe eines kleineren AKW Kühlturms. Von Zeit zu Zeit trägt der Wind eine nach faulen Eiern riechende Böe mit sich, die es in sich hat. Man gewöhnt sich aber irgendwie daran…
Je weiter wir ins Tal hinunter laufen, desto höher wachsen die Büsche und Lavendel. Und urplötzlich befinden wir uns inmitten eines dichten Waldes. Nach weiteren drei Kilometer befinden wir uns am Ketetahi Car Park, von wo aus uns der Bus zurück zur Unterkunft fährt. Mein Fazit zu den Wanderstöcke ist, dass ich heilfroh bin, sie dabei gehabt zu haben – insbesondere bei den rutschigen Stellen beim Aufstieg in den Krater und die Treppen beim Abstieg ins Tal.


Die Erde lebt - Schwefelwolken überall wo man hinschaut.


Und da müssen wir wieder hinunter laufen :-(

Ziemlich erschöpft aber mit vielen Eindrücken und einem guten Gefühl, heute etwas geleistet zu haben, lassen wir den Nachmittag gemütlich ausklingen. Leider heisst es diesmal definitiv Abschied nehmen von Sandy.
Was Morgen ansteht: Nervenkitzel pur!